Eduard Franoszek: Assoziationen

Christine Breitschopf am 2. September 2007 zur Austellung Eduard Franoszek: Assoziationen in Warburger Museum im „Stern”

Sehr geehrte Damen und Herren,
Plakat Warburg 2007ich freue mich sehr, Sie hier im Museum „Im Stern“ in Warburg begrüßen zu dürfen, um Ihnen das Werk von Eduard Franoszek vorzustellen.
Ich selbst habe die ersten Arbeiten von ihm vor ca. 7 Jahren gesehen. Auf der Suche nach einem Thema für meine Magisterarbeit habe ich seine Frau FRANEK in Berlin besucht. An einem langen Tag konnte ich durch ihre Erzählungen, durch Fotografien und natürlich durch Franoszeks Kunstwerke selbst die ersten Eindrücke über sein Schaffen sammeln. In der folgenden Nacht habe ich nur von Franoszeks Kunstwerken geträumt... Daraufhin entschloss ich mich, meine Magisterarbeit über ihn zu schreiben.
Mein erster Blick zeigte mir ein sehr vielfältiges Oeuvre, das von einzelnen Phasen geprägt ist, diese schienen abrupt zu enden und jede neue Phase zeichnete sich durch eine völlig andere Technik und Motivwahl aus. Ziemlich schnell entwickelte ich daraus eine These, die ich allerdings im Laufe der Zeit so nicht halten konnte und die immer wieder modifiziert werden musste. Die intensive Auseindersetzung mit Franoszeks Oeuvre zeigte mir bald, dass es kein Werk der schnellen Entscheidungen und einfachen Thesenfindung ist!!!
Ich möchte Sie nun einladen, mit mir gedanklich in die Ausstellung einzutauchen und einige Ideen und Konstrukte in Franoszeks Werk zu entdecken...

Eduard Franoszek kam 1959, in der Hochphase des Informel, nach Berlin und studierte dort an der Hochschule für bildende Künste bei Fred Thieler, bei dem er ab 1963 auch Meisterschüler wurde. In vielen Bildern dieser Zeit erkennen wir typische informelle Bezüge. Betrachten wir z.B. das Bild der Einladungskarte „Assoziation“ von 1964 so erkennen wir einerseits eine informelle Technik – das Bild ist auf dem Boden liegend entstanden, die Farben sind auf die Leinwand gegossen, gespritzt und mit Pinsel und anderen Gegenständen bearbeitet. Aber wir sehen auch schon, dass Franoszek sich von der reinen informellen Idee distanziert, denn er lässt auf seinem Bild ein deutliches Zentrum entstehen. Auffällige Farbfelder bündeln sich zur Mitte hin und vermitteln den Eindruck eines geschlossenen Motivs, das auch optisch aus dem Bildgrund zu treten scheint, wir sind sogar versucht, die Bildoberfläche in Vorder- und Hintergrund einzuteilen. Große Farbflächen vermischen ineinander, daneben stehen feingliedrige Farbflüsse. In anderen Bildern dieser Zeit kann man sogar Zeichenelemente finden, die scheinbar Figuren darstellen. Sprich, Franoszek arbeitet einerseits aus der informellen Idee heraus, greift aber schon früh in die Formwerdung ein und beginnt Formen und Motive zu entwickeln. Jedoch bleiben diese eher verborgen, Franoszek komponiert immer nur soweit, bis ein Motiv gerade noch nicht erkennbar wird. Somit verwickelt er den Betrachter von Anfang an in ein aktives Schauen und lädt uns zu einer „Entdeckungstour“ möglicher Formen und Motive ein.
Durch die Bildung der Zentren entsteht in vielen Bildern eine unglaubliche Dreidimensionalität. Oft haben wir den Eindruck, Teile des Bildes treten aus dem Hintergrund heraus – Franoszek greift hier erneut eine informelle Idee auf: Der Austritt aus dem klassischen Tafelbild ist bei ihm früh ´optisch´ vollzogen. Dies zeigt erneut seine Vorgehensweise: er spielt mit der informellen Idee, die er durch seine ´kleinen´ Veränderungen allerdings ad absurdum führt.
Franoszek ist damit nicht alleine. Bei vielen Künstlern seiner Generation kommt es zunehmend zur Abkehr vom Informel. Dabei schlagen viele Kollegen v.a. aus Berlin, einen entgegengesetzten Weg ein und entscheiden sich für einen neuen Realismus, der zunehmend politischer wird. Auch der Kunstmarkt an sich ist von dieser Politisierung betroffen, was sich unter anderem in den Künstlervereinigungen und selbstorganisierten Produzentengalerien dieser Zeit zeigt. Auch Eduard Franoszek engagiert sich in solchen Künstlervereinigungen, wie z.B. „Großgörschen 35“. 1964 schließen sich 15 Künstler zu dieser „Selbsthilfegalerie“ zusammen, um unabhängig vom Kunstmarkt ihre Arbeiten auszustellen. Neben Markus Lüpertz ist Eduard Franoszek eines der Gründungsmitglieder von Großgörschen die ihren Namen durch ihren Standort in der Großgörschenstr. 35 in Berlin-Kreuzberg bekam. Eine weitere Künstlervereinigung, in der Franoszek aktiv ist, ist die Gruppe „zehn neun“, in der die Künstler zunehmend politischer agieren.
Aber in Franoszeks künstlerischer Arbeit klingt eine politische Aussage nur indirekt an. Nach wie vor lässt sich sein Werk nicht so einfach einordnen und zeigt die für ihn typische Eigentständigkeit und Uneindeutigkeit.

So auch in der folgenden Phase der Gummidrucke, die Technik mit der Franoszek ab den 70er Jahren arbeitet. Dabei handelt es sich um ein sehr aufwändiges altes Edeldruckverfahren, bei dem ein Negativfilm auf einen lichtempfindlichen Bildträger gebracht wird. Das Reizvolle für Franoszek liegt unter anderem darin, dass bei der Entwicklung manuell z.B. mit Hilfe eines Pinsels eingegriffen werden kann. Der Prozess kann mehrfach wiederholt werden, wobei jede einzelne Schicht in Ton und Farbe variieren (kann).
Wenn wir uns die Gummidrucke genauer anschauen, können wir relativ leicht z.B. bei dem Bild „Paula“ von 1978 eine Puppe, ein Telefon und einen Gesichtsausschnitt mit einem Mund erkennen. Franoszek baut einzelne Motive zu einer Art Collage zusammen. Die Motive wirken leicht entschlüsselbar und leicht erkennbar, aber häufig verschließen sie sich vor eindeutigen Zusammenhängen und Interpretationen. Wo liegt hier z.B. der inhaltliche Verknüpfungspunkt? Erzählen die einzelnen Motive eine Geschichte? Gehören sie überhaupt zusammen? Möchten sie miteinander in Verbindung stehen und so von uns interpretiert werden oder sollen wir jedes Motiv einzeln für sich betrachten?
Wenn Sie sich die verschiedenen Gummidrucke anschauen erkennen Sie, dass Franoszek immer ähnliche Motive auswählt. Neben der Puppe und dem Kind ist es der Mund – ja, nach kurzer ´Eingewöhnungszeit´ können wir ihn auf vielen Bildern entdecken! Durch die Fokussierung erscheint uns das Motiv des Mundes aber stark verfremdet und manchmal nahezu unkenntlich. „Durch das Herausreissen aus der normalen Umgebung erfahren die Motive eine so starke Abstrahierung und Verfremdung, dass sie auf dem ersten Blick nichts mit unserem Körper gemeinsam haben.“ Die Technik des Gummidrucks erlaubt es Franoszek so zu arbeiten und unterstützt seine künstlerische Idee: Denn nicht nur die Motive werden verfremdet und sind für uns schwer erkennbar, sondern auch die Technik. Der Künstler arbeitet mit Fotografien, denen er durch das Gummidruckverfahren einen malerischen Charakter verleiht. Er selbst bezeichnete die Gummidrucke als Gouachen, was es für uns nicht einfacher macht. Wie einige andere Künstler dieser Zeit setzt er sich, durch das Arbeiten mit dieser Technik, mit der Frage nach den Spezifika der verschiedenen Medien auseinander. Wo liegen die Grenzen der Malerei, der Fotografie, der Druckgraphik? Franoszek führt uns mit seinen Gummidrucken vor, das die Grenzen verschwimmen und wir große Mühe haben, uns überhaupt die einzelnen Schritte vorstellen zu können. Was auf dem ersten Blick als relativ gegenständliche Malerei daherkommt, wird bei genauer Betrachtung zu einem Druckverfahren mit Hilfe der Fotografie. Durch Franoszeks Vorgehen bleibt auch für ihn immer eine unkontrollierbare Komponente bei dieser Technik vorhanden. Wenn wir uns an die Idee der ersten Phase erinnern, scheint Franoszek hier genau umgekehrt zu arbeiten: Er behandelt konkrete Motive (Fotografien) so, dass sie zunehmend abstrahiert werden und teilweise nur schwer zu identifizieren sind. Erneut fordert er uns zu einer aktiven Bildbetrachtung auf.

Die Reduzierung auf wenige Motive ist ein wichtiger Aspekt in Franoszeks Werk.
In seiner letzten Arbeitsphase geht er dabei noch einen Schritt weiter und arbeitet nur noch mit einem einzigen Motiv, und zwar mit dem Schuh. Dabei greift er auch zum tatsächlichen Gegenstand, was wir in den beiden Schuhtischen sofort sehen. Eine weitere sehr aufwändige Drucktechnik begleitet diese „Schuhinstallationen“, die Heliogravure. Dabei handelt es sich wieder um ein sehr altes Edeldruckverfahren, genauer gesagt, um ein Tiefdruckverfahren. Das zentrale Merkmal der Heliogravure ist die Methode, ein fotografisches Bild mit allen seinen Grauwerten zwischen Weiß und Schwarz in eine Kupferplatte zu ätzen.
Oft verbindet Franoszek die Heliogravure mit Objekten zu Installationen und Enviroments, d.h. der Austritt aus dem Tafelbild ist in dieser Phase tatsächlich vollbracht! Sie erinnern sich, eine Idee, die wir ganz zu Anfang bereits in seinen Kunstwerken angelegt sahen. Dies ist aber nicht der einzige Bezug zwischen diesen Arbeiten und der Frühphase. Wenn wir uns die Bearbeitung der Schuhe anschauen, stellen wir eine informelle Malweise fest. Franoszek bespritzt die Objekte und Bildträger so, dass sie optisch miteinander zu verschmelzen scheinen und ihren dreidimensionalen Objektcharakter nahezu verlieren. Somit haben wir einerseits zwar den tatsächlichen Austritt aus dem Tafelbild, andererseits aber auch sofort wieder eine (optische) Rücknahme dieser Idee.

Aber schauen wir uns das Motiv noch etwas genauer an – warum diese starke Konzentration auf ein einziges Motiv? Franoszek scheint im Schuh SEIN Motiv gefunden zu haben, das alle andere ersetzt. Er tritt als Metapher für alles, was er in seiner Kunst bearbeiten und ausdrücken möchte, auf. Dabei gibt es in der Tat viele Richtungen, in die man das Motiv des Schuhs interpretieren könnte. In Franoszeks Werk ist zu beachten, dass es sich immer um gebrauchte Schuhe handelt. Somit hat jeder Schuh bereits eine eigene Geschichte, nahezu eine eigene Identität durch seinen Besitzer bevor Franoszek mit ihnen arbeitet. Aber warum unterstützt Franoszek diese Individualität der Schuhe nicht sondern ´unterdrückt´ sie eher? Er bearbeitet alle Schuhe und die Bildträger in gleicher infomeller Malweise und nimmt die Wichtigkeit seines einzigen Motives damit sofort wieder zurück und lässt es als ein Objekt zwischen vielen und teilweise gar im Bildträger verschwinden!

Schauen wir nocheinmal kurz zurück und betrachten uns die anderen Motive in seinem Oeuvre: Franoszek arbeitet u.a. mit dem Kind/Puppe, mit dem Mund, mit dem Schuh und alle verbindet, dass sie eine eigene Geschichte haben, dass sie auf ganz konkrete Individueen hindeuten können. Aber durch Franoszeks Bearbeitung wird ihnen genau das genommen. Ja, Franoszek ´ent-individualisiert´ seine Motive wieder. Heißt das also, dass sich Franoszek eigentlich gar nicht für die ikonographische Interpretationen seiner Motive interessiert?
Ich denke, wichtig ist für ihn WAS mit dem Motiv passiert: der Prozess der Bearbeitung, der Prozess der ´Entindividualisierung´, der Prozess der ´Verselbständigung´ und vor allem ist es wichtig, wie wir – die Betrachter – damit umgehen. Franoszek verwickelt uns IMMER in einen aktiven Wahrnehmungsprozess und nur, wenn wir uns auf diesen Prozess einlassen, können wir langsam in die Tiefen der spannenden und faszinierenden ´Franoszek´schen Welt´ eintauchen.
Dabei wünsche ich Ihnen viel Spass und hoffe, dass ich Ihnen mit meiner kurzen Ausführung die ersten Türen geöffnet habe. Und wenn sie so gefesselt sind und nicht genug von der Ausstellung bekommen können, rate ich Ihnen, eines Ihrer Lieblingswerke einfach mit nach Hause zu nehmen. Denn alle hier ausgestellten Arbeiten sind käuflich zu erwerben und dies ist natürlich die beste Gelegenheit, die Wirkung der Bilder zu intensivieren...
Ich wünsche Ihnen viele interessante Blicke, Einblicke und Erlebnisse und natürlich... Träume... und gebe Ihnen hierfür noch eine kleine ´Gebrauchsanweisung´ von Peter Sorge, der so treffend über die Arbeiten Franoszeks formulierte: „Putzen Sie sich die Augen; öffnen Sie die Pforten der Wahrnehmung (...) Erweitern Sie ihr Bewußtsein.“

Haben Sie vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!