"Hm..."

Den Sommer 1972 verbrachte Eduard Franoszek mit seiner Familie auf Einladung der Galerie Wittemann (München) in „La Maison de Mandelieu“ bei Cannes, Südfrankreich. Im Haus war nicht nur ein Künstleratelier, es gab dort auch eine Werkstatt für Radierung und Lithografie und zudem eine umfangreiche Handbibliothek der Drucktechniken. Eines der Bücher fotografierte er fasziniert beinahe Seite für Seite ab, allerdings ohne den Titel mitzufotografieren, deshalb: “o.T.”.
GraukeilDie Druckwerkstätten an der SHfbK (Staatliche Hochschule für bildende Künste, heute: HdK Fb6)[Anmerkung TF: heute UdK, Universität der Künste], Grunewaldstraße wurden in diesen Jahren kommissarisch von Prof. Fred Thieler mitbetreut und Eduard Franoszek war Dozent. Im April 1975 erhielt Eduard Franoszek die Berufung zum Professor.

Bis zur Einrichtung der Siebdruckwerkstatt 1970 durch ihn wurden in den Werkstätten für Lithografie und Radierung ausschließlich manuelle künstlerische Techniken gelehrt und praktiziert.
Mit der Einführung des Siebdruckes entstand Bedarf für ein damals sehr einfaches Fotostudio und eine simple Dunkelkammer fuer Reproduktionsfotografie um von Orginalen (Zeichnungen, Fotos, o.ä.) Kopiervorlagen für Offset- und Siebdruck herstellen zu können. Dies war neu an der SHfbK, aber nicht exotisch.

Seite für Seite aber ohne Titel.Der Inhalt des Buches jedoch, das ihn und uns so faszinierte war es. Der Autor beschreibt dort den Übergang von der manuellen Herstellung von Druckformen zur photografischen Übertragung von Orginalen in den Hochdruck, Flachdruck (Lithografie) und Tiefdruck und, das war das reizvolle, die singulären "Erfindungen" die diese Verfahren begleiteten: "Bromöldruck", "Gelatinechromatverfahren", "Pigmentdruck" ... und die ´Königin des Drucks´: die "Heliogravure".

Der Raster (Meisenbach, 1882) der ´Halbtöne´, also die Tonwerte zwischen Schwarz und Weiß, in größere oder kleinere Punkte zerlegt und damit dem Auge Grauwerte vortäuscht war noch nicht erfunden, und in einem Teil dieser beschriebenen Verfahren wurden Techniken aufgeführt, wie diese Halbtöne in den Druckverfahren simuliert werden konnten. Hinter diesen phantasievollen Rezepturen deren einzelne Ingredenzien "einfach in der Apotheke zu besorgen sein", stand dort zu lesen.
Die Nachfrage nach "Zitronensaures Eisenoxydammoniak", "Rotes Blutlaugensalz" oder "Erythrosin purrisimus" brachte uns nicht weiter. "Man verwende das Eiweiß von Yorkshire Legehühnern, da nur deren Eier..." usw. war beim "Lichtdruck" zu lesen. Dieses Verfahren wurde als zu kompliziert zurückgestellt.

Nach und nach kamen zu diesem Buch noch drei, vier andere aus verschiedenen Jahrgängen hinzu, in denen gleiche oder ähnliche Verfahren aufgeführt waren, die aber gravierende Abweichungen in den Beschreibungen und Arbeitsanweisungen enthielten.
Beim erneuten Überprüfen der Rezepturen auf ihre Realisierbarkeit, stießen wir auf eine Beschreibung, bei der die Zutaten größtenteils in der Druckwerkstatt bereits verwendet wurden: Gummi arabicum im Steindruck, Ammoniumbichromat in der Siebkopie, und was noch fehlte, konnte beschafft werden. Das Verfahren nennt sich fälschlicherweise "Gummidruck" und ist kein Druck-, sondern ein Kopierverfahren.
Da auch hier bei den verschiedenen Rezepturen aus verschiedenen Büchern abweichende Mischungsverhältnisse angegeben waren, betrafen die ersten Versuche die Zusammenstellung der lichtempfindlichen Emulsion, die Suche nach den "richtigen" Farbpigmenten, die Auswahl des Trägerpapieres.
Beim "Gummidruck" nutzte Eduard Franoszek die Komponenten der von ihm etablierten Werkstattbereiche: das Fotostudio, die Reprofotografie, die Kopiereinrichtung.

Gummidruck: Von der Vorlage/Original wird ein Negativfilm(Halbtonfilm) in Abbildungsgröße hergestellt. Zwei Lösungen sind notwendig:
Gummi arabicum 250g in 1/2 Liter Wasser gelöst und zum sensibilisieren (lichtempfindlich machen) 50g Ammoniumdichromat gelöst in 1/2 Liter lauwarmen destillierten Wasser.
In 40g Gummi arabicum-Lösung werden 5g Tubenaquarellfarbe gerührt, danach 40g Ammoniumdichromatlösung beigemischt. Damit wird das grundierte Papier (z.B. "Fabriano-Cotone") oder die Leinwand dünn und gleichmässig eingestrichen und zum Trocknen ins Dunkle gelegt. (Erst nach der Trocknung ist die Schicht lichtempfindlich.) Der Negativfilm wird auf die Schicht plaziert und mit einer Glasplatte beschwert. Belichtet wird mit einer Lichtquelle mit einem möglichst hohen UV-Anteil (Sonne, Höhensonne, Kopierlampe).
je nach Farbe und Dickte des Emulsionsauftrags belichten (bei Rot mehr Licht, bei Blau weniger). Die belichtungszeit ist abhängig von der Stärke sowie dem Abstand der benutzten Lichtquelle und muß ausgetestet werden. Zur Entwicklung wird das Papier/die Leinwand in eine Wanne mit Wasser getaucht. Bei diesem Vorgang löst sich nach 30 Min. bis zu einer Stunde, die Aquarellfarbe in Abstufungen dort vom Grund, wo wenig oder kein Licht hingekommen ist. Nach dem völligen Trocknen kann das gleiche Verfahren noch mehrere Male für weitere Farbgänge angewendet werden, ohne das sich die vorherige Schicht löst. Eduard Franoszek hat diese Verfahrenstechnik sehr bewußt und malerisch für seine künstlerischen Arbeiten auf Papier und Leinwand eingesetzt und die Zufälligkeiten, Abweichungen, die durch die manuelle Bearbeitung des Untergrundes oder die Übermalungen entstehen, kontrolliert genutzt.

Ein Nebenprodukt Eduard Franoszek´s Frankreichreise (1972) war seine Begeisterung für das "Boule-Spiel" (eigentlich "Pétanque"), ein Sport für Leute, die Sport nicht mögen, das die "aficionados" der Druckgrafik auch zu solchen von "Pétanque" werden ließ. Sonntag für Sonntag, mehr als 13 Jahre lang, klickerten auf dem Wartburgplatz in Schöneberg die Boulekugeln.

Wochentags - so ab Ende 1977 - wandten wir uns "dem schönsten und edelsten aller bekannten Reproduktionsverfahren" (Albert, Halle 1927) zu, der Helio oder Photogravure. Eine Tiefdrucktechnik (Radierung) deren Anfänge bis zu Niépce (1816) und (1850) zu Fox-Talbot reichen, der die Lichtempfindlichkeit einer Gelantine-Dichromat-Lösung herausfand, bis zur praktischen Vollendung und Anwendung durch Karel Klic (1879).

Das Eigentliche der Heliogravure (Staubkorn-Photogravure) ist die Methode ein fotografisches Bild mit allen seinen Grauwerten zwischen Weiß und Schwarz in eine Kupferplatte zu ätzen.
Die Wiedergabe von Hell bis Dunkel wird durch die Tiefe der Ätzung bestimmt, wodurch stufenlose Grauwerte erzielt werden. Die samtartigen Schwärzen, die reichhaltigen Grautöne und die feinsten Nuancen in den Helligkeiten ergeben ein Druckbild, das in seiner Ausstrahlung durch keine andere Reproduktionsmethode zu erreichen ist.
Die technisch-industrielle Weiterentwicklung ab 1895 führt ab ca. 1920 zum Tiefdruckrotationsverfahren wie es noch heute angewendet wird. Damit endeten auch die Hinweise in Fachbüchern zu Materialien, Herstellern, Bezugsquellen.

Es dauerte mehr als ein jahr bis wir, von der Materialbeschaffung (für Pigmentpapier gibt es weltweit nur noch zwei hersteller), nach einer Vielzahl von Versuchsreihen, dem minimieren der Fehlerquellen innerhalb jedes Arbeitsschrittes, ein einigermassen wiederholbares Verfahren entwickelt hatten und bis sich die ersten drucke im Ergebnis von Fox-Talbots Frühversuchen abhoben.

Von der Vorlage bis zum Durck sind für das Heliogravureverfahren grob gezählt, ca. vierzig Arbeitschritte nötig. Zusammengefaßt ergibt dies folgenden Arbeitsablauf:
– Von der Vorlage/dem Orginal wird ein fotografischer Halbtonfilm hergestellt, der einen definierten Tonwertumfang (Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß) aufweisen muss.
– Ein Pigmentpapier (eingefärbte Gelatine auf einem Trägerpapier) wird in einer Kaliumdichromatlösung sensibilisiert, auf Plexiglas ayfgequetscht und im Dunkeln zum Trocknen gelegt.
- Die vorbehandelte Kupferplatte in der Größe des Diapositives wird im ´Staubkasten´ mit Asphaltstaub ("Syrischer Asphaltstaub") fein eingestäubt. Die Platte wird danach von unten erhitzt, das Korn schmilzt und bleibt an der Oberfläche haften.
- Das Diapositiv wird auf das sensibilisierte Pigmentpapier und in einem Vakuumrahmen belichtet, durch eine Übertragungslösung gezogen und vorsichtig auf die Kupferplatte aufgequetscht.
- Die Entwicklung des belichteten Bildes erfolgt in einem Wasserbad von 40-42° C. Bei dieser Temperatur beginnt die Gelantine, die durch Licht gegerbt wird, je nach Lichteinwirkung mehr oder weniger stark zu schmelzen.
Im Ergebnis ensteht ein reliefartiges Gelantinebild, das in den Tiefen (den dunklen Partien) kaum noch oder gar keine Gelantine mehr aufweist und bei dem in den Lichtern (den hellen Bildtönen) die volle Gelatinedickte zurückbleibt.
- Nach dem Trocknen und der damit verbundenen Aushärtung der Gelantineschicht wird die Platte in einer Eisenchlorid-Wasserlösung geätzt. Damit das Eisenchlorid zur Oberfläche des Kupfers gelangen kann durchdringt der Wasseranteil der Lösung die Gelantine je nach Härtung mehr oder weniger rasch, und das Eisenchlorid beginnt das Kupfer aufzulösen. Da aber die Oberfläche des Kupfers zum Teil durch das säurefeste Asphaltkorn geschützt ist, ätzt das Eisenchlorid sehr kleine Vertiefungen zwischen den einzelnen Körnchen. Die Vertiefungen zwischen werden umso tiefer und größer, je länger das Eisenchlorid auf das Kupfer einwirken kann.
- Um feine Abstufungen und Übergänge zu erzielen oder zu erhalten, wird meist eine Mehrbadätzung eingesetzt, wobei die Stärke der Eisenchlorid-Lösung (in Beaumé-Graden) zu unterschiedlichen Ätzungen führt.
- Nach entfernen des Gelantinebildes und des Asphaltkorns kann gedruckt werden.
Die Platte wird erwärmt und mit Tiefdruckfarbe eingerieben, dann mit Gaze oberflächlich freigewischt, mit dem Handballen so ausgewischt, daß die nichtdruckende Oberfläche blank ist aber in den Verteifungen Farbe erhalten bleibt. Die Platte ist nun zum Druck fertig und wird in die Radierpresse gelegt. Darüber der gefeuchtete Druckbütten, dann die Filze, die dafür sorgen, daß das Papier unter dem Druck der Maschinenwalze die Farbe aus den Vertiefungen herausholt.
So penibel und exakt die Arbeitsweise zur Herstellung der Druckplatte sein muß, ist die Heliogravure kein dogmatisches Reproduktionsverfahren. Der Drucker kann die Tönung, durch verschiedene Weichheiten der Druckfarbe, durch die Behandlung der Druckplatte während des Auswischprozesses, durch die Wahl des Papiers usw. das Druckergebnis entscheidend beeinflussen.

Die Auswahl der Heliogravuren Eduard Franoszeks, die in der Ausstellung und im Katalog gezeigt werden, sind das Resultat von vielen voherigen Versuchen, Überlegungen und forschendem Suchen, um die Qualität der Vorgänger des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts zu erreichen, - "...aber das sieht ja doch keiner". In den eigenen Arbeiten ist ihm Bildinhalt und -aussage immer wichtiger gewesen als der Prozeß der perfekten technische Wiedergabe. Insofern konnte er mehr als er zeigen wollte.
Die Bedeutung der "Schuhe" steht noch aus.

G. Fritze Margull
Aus Eduard Franoszek, "...das sieht doch keiner". Katalog zur Austellung vom 19.10. bis 2.11.1996 in der Hochschule der Künste, Berlin.