über Eduard Franoszek

Eduard Franoszek, ca.1957/58"Seine Arbeitsweise: Gesteuerter Zufall zunächst; dann nüchtern kalkulierte Räume und Volumina. Putzen Sie sich die Augen; machen Sie die Tür in der Wand auf; öffnen Sie meinetwegen die Pforten der Wahrnehmung; lassen Sie den Blick wandern, machen Sie eine kleine Reise über schillernde (Fleisch?)Klumpen; Geflossen, wieder geronnen / geschmolzen, wiedergefroren, geschwollen, gebläht / Perlmutter und Feuer und Eis. Erweitern Sie ihr Bewusstsein."

Dieses Zitat, das Peter Sorge auf einer Einladungskarte zur Ausstellung "Großgörschen 35 – Franoszek 1968" verfasst hat, beschreibt wichtige Aspekte im Werk seines Kollegen Eduard Franoszek. So findet man einerseits die typische Arbeitsweise des Informel, doch im gleichen Satz zeigt sich auch die frühe Gegenbewegung des Künstlers, seine immer größere Distanzierung, die sich durch die Technik und das Formenspektrum zeigt. Ja, Franoszek kalkuliert, lenkt, komponiert... Jedoch immer nur soweit, dass das Motiv gerade nicht explizit beschreibbar wird. Peter Sorge fordert den Betrachter auf seine Augen zu putzen; eine Ermunterung zum aktiven Schauen; eine Idee, die sich durch Franoszeks gesamtes Werk zieht. Der Betrachter wird immer wieder in einen Erkennungsprozess verwickelt: Findet man anfangs noch Zentren, Stränge oder figurative Andeutungen in angeblich informellen Bildern, so sieht man sich später oben genannten (Fleisch)Klumpen gegenüber gestellt. Was kann man erkennen, was soll und darf man erkennen? Zeigen diese Gebilde etwa einen Körper, einen Menschen?

In den Arbeiten der nächsten Phase scheint man diese Körper endlich zu finden. Zwar vereinzelt, aber deutlich treten sie in undefinierbaren Räumen und Situationen auf. Dem Betrachter wird schnell klar, dass die Motive ‚vereinzelt´ an ihrem Platz stehen ohne deutlichen Zusammenhang mit den anderen Bildteilen. Zudem zeigt sich immer wieder eine Fokussierung auf bestimmte Körperteile, wie z.B. einem Mund, der bis zur Unkenntlichkeit aus einem großen Zusammenhang gerissen wird und alleine - verfremdet - auftaucht. Wieder muss der Betrachter kombinieren... Verwechslungen scheinen eingeplant, Signifikanten können vertauscht werden.

So auch in der letzten Phase, die vom Motiv des Schuhs bestimmt ist. Franoszek greift zum tatsächlichen Objekt - somit scheint es für den Betrachter relativ einfach zu sein, das Motiv deutlich zu erkennen. Jedoch bearbeitet der Künstler seine Objekte in informeller Malweise, so dass diese ihren Objektcharakter verlieren und in ihrem eigenen Bildhintergrund ‚verschwinden´ - Spuren, die in die Irre führen, Fiktion oder Realität. Wo sind die Motive? Was wird eigentlich dargestellt? Kann ich meinen Augen trauen? Was wird tatsächlich dargestellt? Was bilde ich mir ein?

Franoszek hat ein Werk von unerkannter Tiefe hinterlassen: Faszinierende Werkblöcke von durchdringender Intensität und Sensibilität, verrätselt, hermetisch – mit der unerbittlichen Herausforderung an den Betrachter: „putzen Sie sich die Augen!“

Eduard Franoszek wurde 1935 in Neudorf bei Kattowitz geboren. Nach einem zweijährigen Studium in Braunschweig kam er 1959 nach Berlin und studierte an der Hochschule für Bildende Künste bei Fred Thieler, bei dem er auch Meisterschüler wurde. Franoszek gehört zu den Mitbegründern der Künstlergruppe "Großgörschen 35". 1975 folgte die Berufung an die Hochschule für Bildende Künste Berlin. Eduard Franoszek starb 1995 in Berlin nach langer Krankheit, die spürbar sein Leben und sein Werk prägte.

Christine Breitschopf
(Ihre Arbeit zur Erlangung des Grades eines Magister Artium an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg hat Christine Breitschopf über Eduard Franoszek geschrieben, Heidelberg 2001)